zurück

Meine Frau leidet unter meiner Lustlosigkeit

«Meine Frau und ich sind seit 5 Jahren verheiratet und haben einen 3-jährigen Sohn. Da wir uns in einer Freikirche kennen gelernt haben, hatten wir beide vor dieser Beziehung keine sexuellen Erfahrungen. Ich war nie besonders an der Sexualität interessiert und dachte mir einfach, dass dies dann schon kommt, wenn ich mit der richtigen Frau verheiratet bin. So war es dann auch anfänglich. Meine Frau ist der Sexualität gegenüber sehr offen und so haben wir Verschiedenes ausprobiert. Schon bald bemerkte ich aber bei mir eine zunehmende Lustlosigkeit und nach der Geburt unseres Sohnes ist die Sexualität mehr oder weniger eingeschlafen. Meine Frau leidet darunter und hat das Gefühl, dass ich sie nicht mehr attraktiv genug finde. Ich finde meine Frau toll und ich hätte auch nicht mit einer anderen Frau mehr sexuelle Lust. Was ist nur mit mir los?» 
 
In einer Welt des pornografischen Überflusses, die uns suggeriert, dass wir nicht nur immer wollen, sondern auch können müssen, hat die Lustlosigkeit wenig Platz. Dabei sind Sie nicht alleine mit diesem Thema. Lustlosigkeit wird als Mangel angesehen, der behoben werden muss. Das Ziel dabei ist meistens, die Sexualität zu aktivieren. Sexualtherapeutin Peggy Kleinplatz schreibt dazu, dass es nicht um Sex gehen solle, sondern um «sex worth wanting», also Sex, der es wert ist, gewollt zu werden (Kleinplatz 2012). Was heisst das? Sie schreiben, dass Sexualität bis zu Ihrer Ehe keine grosse Rolle gespielt hat. Könnte es sein, dass Sie kein klares Bild darüber haben, welche Art der Sexualität Ihnen entspricht? Auch, weil sie vielleicht in Ihrem Elternhaus kein Thema war und Sie sich nur auswärts informieren konnten? Woran orientieren Sie sich dann, wenn es um Ihre Lust geht? Welche Seite Ihrer Sexualität zeigen Sie ungern? Wann fällt es Ihnen schwer, sich auf etwas einzulassen, das Sie eigentlich wollen? Was ermöglichen Sie sich durch Ihre Lustlosigkeit? DIE Lustlosigkeit gibt es nicht, sie kann verschiedene Gründe haben. In ihr kann sich auch eine Fähigkeit ausdrücken, kritisch zu prüfen, auf wen oder was Sie sich sexuell einlassen möchten. Wollen Sie herausfinden, wie dies bei Ihnen ist? Suchen Sie mit Ihrer Frau das Gespräch und reden Sie über Ihre Wünsche und Bedürfnisse. Auch würde ich Ihnen empfehlen, sich dabei von einer Fachperson unterstützen zu lassen. Entdecken Sie Ihre Lust auf die Lust.

Dieser Bericht ist im Stadt-Anzeiger erschienen.

«Der Wunsch nach Nähe führt uns in Beziehungen und in Bindung hinein. Dies ist ein Grundbedürfnis des Menschen und kann sinnbildlich mit «Einatmen» verglichen werden. Wir lassen uns auf die andere Person ein, verbinden uns ganz mit ihr und möchten mit ihr Eins sein.
Jedoch - kaum sind wir in einer Beziehung - spüren wir den Impuls, wieder stärker bei uns selber sein zu wollen, unsere Interessen wieder vermehrt wahrnehmen zu möchten und die Dinge nach unserem Willen zu tun. Sinnbildlich: «Wir atmen den Partner/die Partnerin wieder aus,» wir distanzieren uns von ihm/ihr, um uns selber wieder mehr zu spüren ...

… und kaum sind wir bei uns selber angekommen, spüren wir wieder den Impuls zum «Einatmen» … und so fort ...

So bewegt sich eine Partnerschaft immer wieder zwischen den beiden Polen «Nähe und Distanz» - Anziehung und Distanzierung - vertraut sein und anders, sich fremd sein. 

Diese Tatsache fordert uns lebenslang heraus. Es dient unserer Selbstfindung und fordert uns auf, uns immer wieder neu füreinander zu entscheiden, aufeinander zuzugehen, uns füreinander zu öffnen und das «Einssein» zu wagen - im Wissen drum, dass nach dem «Einatmen», unabwendbar auch «das Ausatmen» kommen wird.»