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Hauskauf: Haben wir richtig entschieden?

«Mein Mann und ich erwarten im Januar unser erstes Kind. Wir freuen uns beide darauf Da unsere Mietwohnung zu klein ist, haben wir uns nach langem Abwägen für den Kauf eines Einfamilienhauses entschieden, welches wir auf Ende Jahr beziehen. So-wohl mein Mann als auch ich waren uns einig, dass dies eine gute Lösung ist. Seit wir den Kaufvertrag unter-schrieben haben, kommen mir des Öfteren Zweifel, ob dies wirklich die richtige Entscheidung war Diese wer-den umso grösser, wenn ich mir vor-stelle, dass mein Mann einmal seinen Job verlieren könnte. Anstatt mich auf die Geburt unseres Sohnes und den Bezug des Hauses zu freuen, ertappe ich mich, wie ich mich gedanklich auf eine Insel flüchte, auf welcher wir oft glückliche Sommerferien verbrachten. Was ist nur mit mir los?» 

Es freut mich für Sie beide, dass Sie ein Kind erwarten. Sie haben sich bereits mit den Veränderungen auseinandergesetzt und sich aus guten Gründen entschieden, ein Haus zu beziehen, das Ihnen gehört. Was Sie augenblicklich erleben, ist durchaus normal und nachvollziehbar. Die Geburt eines Kindes stösst immer auch Veränderungen für das Paar und dessen Beziehung an. Diese vulnerable Lebensphase erleben viele Paare ohnehin als ambivalent. Einerseits ist da die Freude auf das Kind emotional spür- und erlebbar. Andererseits kommen auch Fragen, Zweifel und Ängste auf: Werden wir es schaffen? Ist unsere Beziehung stark genug? Wie wollen wir unser Kind erziehen und werden wir uns einig darin? Wie sollen die Aufgaben künftig aufgeteilt werden? Sollen beide berufstätig sein oder wäre die klassische Rollenteilung stimmig? Haben wir ausreichend Platz? Bezüglich der letzten Frage haben Sie bereits eine Lösung gefunden und in einem wichtigen Schritt Verantwortung übernommen. Vielleicht sind da noch andere Fragen für Sie offen, die Sie immer wie-der in die Ambivalenz oder auf die sichere Insel flüchten lassen. Dann möchte ich Sie ermutigen, diese in aller Ruhe mit Ihrem Mann zu besprechen. Teilen Sie ihm auch Ihre Ängste im Zusammenhang mit dem Haus-erwerb mit. Gemeinsam werden Sie neue Perspektiven erlangen. Eine Erfahrung, die Ihnen als werdende Eltern guttun wird.

Dieser Bericht ist im Stadt-Anzeiger erschienen.
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«Der Wunsch nach Nähe führt uns in Beziehungen und in Bindung hinein. Dies ist ein Grundbedürfnis des Menschen und kann sinnbildlich mit «Einatmen» verglichen werden. Wir lassen uns auf die andere Person ein, verbinden uns ganz mit ihr und möchten mit ihr Eins sein.
Jedoch - kaum sind wir in einer Beziehung - spüren wir den Impuls, wieder stärker bei uns selber sein zu wollen, unsere Interessen wieder vermehrt wahrnehmen zu möchten und die Dinge nach unserem Willen zu tun. Sinnbildlich: «Wir atmen den Partner/die Partnerin wieder aus,» wir distanzieren uns von ihm/ihr, um uns selber wieder mehr zu spüren ...

… und kaum sind wir bei uns selber angekommen, spüren wir wieder den Impuls zum «Einatmen» … und so fort ...

So bewegt sich eine Partnerschaft immer wieder zwischen den beiden Polen «Nähe und Distanz» - Anziehung und Distanzierung - vertraut sein und anders, sich fremd sein. 

Diese Tatsache fordert uns lebenslang heraus. Es dient unserer Selbstfindung und fordert uns auf, uns immer wieder neu füreinander zu entscheiden, aufeinander zuzugehen, uns füreinander zu öffnen und das «Einssein» zu wagen - im Wissen drum, dass nach dem «Einatmen», unabwendbar auch «das Ausatmen» kommen wird.»